Aus Hausgeburt wurde Kaiserschnitt

Achtung – Traumatische Erfahrung

Folgender Text kann (re-) traumatisierend wirken. Es wird ein für die betroffene Person(en) traumatische Erfahrung geschildert und kann auf Leser in ähnlicher Situation oder mit ähnlichen Erlebnissen negative Auswirkungen haben. Bitte überlege dir gut, ob du den folgenden Text lesen kannst und willst!

 

Liebe starke Mama! Danke dass du deine Erfahrung mit uns teilst und mir voller Vertrauen deine Geschichte zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hast! Alles Gute dir und deiner kleinen lieben Familie <3

 

Geburtsbericht und die Zeit danach: aus Hausgeburt wurde Kaiserschnitt

Eckdaten

Fruchtblase am 23. November um 01:30 im Bett geplatzt.
Erste Wehen kamen dann gegen 15 Uhr.
Mein Sohn kam am 24. November kurz vor Mitternacht zur Welt.

24.November in den frühen Morgenstunden

Ich bin so erschöpft und müde… Gestern ist meine Fruchtblase um 01:30 geplatzt (also schon über 24h her) und ich habe seit 15 Uhr dann Wehen wahrnehmen können. Anfangs nur ein schmerzhaftes Ziehen, dann immer regelmäßiger und schmerzhafter. Der Höhepunkt war so gegen 1 Uhr vor ein paar Stunden nehme ich an. Da kamen die Wellen alle 2-4 Minuten und ich musste laut tönen und gut veratmen.

Aber die Abstände dazwischen wurden wieder länger, und ich bin einfach nur noch kaputt und müde. Bin nun schon seit über 30 Stunden wach, mir fallen die Augen zu. Wenn ich auf dem Gymnastikball sitze und wippe bekomme ich nur noch unangenehmes Ziehen, nicht mehr. Genauso in der Wanne.
Und wenn ich mich ins Bett lege und ich versuche zu schlafen  bekomme ich alle 7-10 Minuten wirklich schmerzhafte Wehen und schrecke wieder hoch, muss laut tönen und stark veratmen.

Ich bin wirklich nur noch kaputt. Hab ich irgendwas falsch gemacht? Ich fühle mich gerade sehr unfähig und schuldig. Und wahnsinnig erschöpft… Die Hebamme war nur am Vormittag kurz da und meinte vorhin am Telefon ich soll versuchen zu schlafen. Sehr witzig.

24.November am Abend – Verlegung ins Krankenhaus

Nachdem ich zwei Tage nach Blasensprung zuhause verbracht hab mit Wehen und auch wehenfördernde natürliche Mittel nicht angeschlagen haben, brachte meine Hebamme uns ins KH. Dort bezogen wir gleich den Kreißsaal und ich kam an den Wehentropf und bekam Schmerzmittel.

Bis 8cm Öffnung haben wir es geschafft. Danach konnte ich bei jeder Wehe nur noch schreien und nichts ging mehr voran.
Dann ging alles ganz schnell. Wir waren nicht mehr mit der Hebi allein im Kreißsaal, und ein Arzt mit furchtbarem russischen Akzent versuchte mir etwas zu erläutern. Zu mir durch drang nur „Geburt jetzt beenden“.

Verwirrt schaute ich auf meine Hebi und sie erklärte mir, dass eine Schlinge der Nabelschnur teilweise  vor dem Muttermund liegt und er deshalb das Köpfchen so gedreht hat, das er nicht rauskommen könnte. Es musste also jetzt ein Kaiserschnitt gemacht werden.

Ich unterschrieb unter Tränen alles was sie mir unter die Nase hielten und dann war ich auch schon umringt von Fremden, ich wurde in ein Hemdchen gekleidet, bekam Wehenhemmer und wurde dann einige Stockwerke tiefer gefahren. Hab die ganze Zeit geweint. Tagelang hatte ich schmerzhafte Wehen die nichts gebracht haben. Ich fühlte mich als hätte ich endgültig versagt. Aber das schlimmste sollte noch kommen.

Ich wurde dann also an diesen OP Tisch gefesselt nachdem man meine untere Körperhälfte betäubt hatte. Das Prozedere bei einem KS war mir nicht unbekannt, ich wusste ich würde alles zwar spüren und heftig zu zittern beginnen, aber keine Schmerzen haben.

Irgendwann durfte mein Freund in den OP und ich fragte ihn wie es ihm geht, er hatte Tränen in den Augen. Ich erklärte ihm, dass ich keine Schmerzen habe und wir ganz bald unseren Sohn in den Armen halten konnten.
Irgendwann, Ewigkeiten später, wie aus dem Nichts, hörte ich dann wirklich seinen ersten Schrei. Ich fing zu weinen an vor Freude.

neugeborenes Baby

Neugeborenes. Quelle: pixabay.com

Erst nach einer halben Stunde wurde er mir kurz an die Wange gehalten und dann mitgenommen. Eine weitere Ewigkeit später war ich fertig genäht und musste noch 45 Minuten im Aufwachraum verweilen bevor ich zu meiner kleinen Familie stoßen dürfte. Sagte man mir zumindest… Ich war sehr glücklich die Höllenschmerzen los zu sein und in einem warmen Bett zu liegen. Ich war allein in irgendeinem Zwischenraum, mit Blick auf eine Uhr. Man hätte mich wohl vergessen, es verging viel mehr als nur 45 Minuten. Dann brachte man mich in unser Familienzimmer. Nur war dort keine Familie die auf mich wartete. Wo sind alle? Was ist passiert? Lebt mein Kind?

Ich war allein und wartete erstmal eine halbe Stunde bis eine Schwester kam und mir sagte, dass mein Sohn im Inkubator liegt wegen Sauerstoffproblemen. Es ginge ihm aber besser und Hebi, Freund und Sohnemann kämen gleich zu mir. Eine weitere halbe Stunde später geschah das auch. Meine Hebi zeigte mir das Anlegen und er nuckelte sofort eifrig an meiner Brust. Währenddessen nahm irgendeine Schwester ihm Blut ab. Dann sanken seine Werte wieder und er wurde mir von jemandem von der Brust genommen und wieder weg gebracht.

Sie wüssten nicht wann ich ihn wiederhaben könnte.
Tagelang habe ich um mein kleines Wunder gekämpft, und nun hab ich in der linken Hand einen Schlauch hängen, an der rechten Hand dauerhaft ein Blutdruckmessgerät und außerdem einen dauerhaften Katheter weil ich ja nich aufstehen kann mit der Narbe. Ich bin ans Bett gefesselt, mein Sohn ist an den Inkubator gefesselt. Ich habe absolut versagt.

Jetzt füttern sie ihn mit Pulvermilch. Ich wollte das nicht und habe mit der Schwester ausgemacht sie sollen mein Kolostrum per Fingerfeeding geben. Keine Minute später war sie mit dem Arzt wieder in meinem Zimmer. Der meinte „entweder wir füttern jetzt Hipp Milch aus der Flasche oder er wird ohne Sie in ein anderes KH verlegt! Sie haben keine Alternative.“

Ich konnte noch erwirken dass mir Kolostrum aus der Brust gestrichen wird und ihm mit einer kleinen Spritze gegeben wird. Einen Milliliter gaben sie ihm davon. Und eine 60ml Portion Hipp Milch.

Ich wollte das alles nicht.

Ich liege jetzt hier in diesem leeren Zimmer, ohne Babybauch und ohne Baby. Dafür mit schmerzhafter Narbe und Kabeln/Schläuchen an und in mir.
Mein Freund darf wenigstens in den Raum mit Inkubator, dort ist er auch und schickt mir Fotos. Nach der mächtigen Ladung Hipp Milch liegt er natürlich im Fresskoma…
Ich wollte das alles nicht. Ich fühle mich schuldig und als totale Versagerin. Ich kann mich nicht um mein Kind kümmern, es nicht mal alleine auf die Welt bringen.
Mein Freund und ich sind verzweifelt.

Er darf endlich zu mir!

Irgendwann am frühen Morgen hörte ich am Flur Geräusche und ich hab mir nichts sehnlicher gewünscht, als dass es mein Kind war. Und so war es. Mein Freund trug unserem Sohn und gab ihn mir.

Ich habe so geweint vor Freude.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon über 70 Stunden nicht geschlafen. Unser Zwerg hatte keinen Hunger und er war nach der viel zu vielen Milch im Fresskoma. Mir wurden kommentarlos Stillhütchen ins Zimmer gelegt, aber ich solle mir keine Hoffnungen machen, dass das mit dem Stillen funktioniert. Ich war immer noch ans Bett gefesselt.

Aufstehen? Vielleicht morgen dann.

Trinken? Ich hatte seit dem Kaiserschnitt nur zwei kleine Becher Wasser bekommen und ich musste mir heimlich mehr bringen lassen.

Essen? Bitte, ich habe tagelang nichts mehr gegessen! Nein, vielleicht in 12 Stunden eine Kleinigkeit.

Es war furchtbar.

Am Vormittag wurden wir gemeinsam in ein anderes Krankenhaus verlegt (ich immernoch liegend), da mein Sohn etwas am Kopf hatte und niemand wusste, was es war. Zum Glück. Dort angekommen durfte ich SOFORT aufstehen und selbst zu meinem Bett gehen, bekam zu Trinken und innerhalb von Minuten wurde mir ein volles Tablett mit warmem Essen hingestellt.

Als ich erzählt habe, wie es in dem anderen Krankenhaus gehandhabt wird, waren sie erschüttert. Man ging gleich darauf mit mir duschen. Leider immer noch kein Schlaf.

Am Nachmittag bekam mein Sohn Hunger und ich versuchte ihn anzulegen, aber es klappte nicht so recht. Ich bat eine Schwester um Hilfe, aber sie war keine Hilfe. Im Gegenteil.
„Hören Sie wie er weint?! Ihr Kind hat Hunger! Das kann nicht einfach zum Kühlschrank gehen und sich etwas rausnehmen, es braucht Milch. Sie können nicht stillen! Sehen Sie sich mal Ihre Brustwarzen an, viel zu flach! Ihr Kind hat Hunger! SIE LASSEN IHR KIND VERHUNGERN!“

Diese Worte werde ich niemals vergessen. Sie haben sich eingebrannt. Die Worte dieser Frau sind der Grund, warum ich auch bis Tag 6 nach der Geburt keinen Schlaf gefunden habe. Nicht mal 5 Minuten. Denn immer wenn ich wegnickte, war ich wie vom Blitz getroffen. Ich schreckte hoch mit weit aufgerissenen Augen und suchte mein Kind, aus Angst es stirbt wenn ich nicht aufpasse.

Und auch diese Schwester gab mir Stillhütchen, zeigte aber nicht wie man stillt.
Dann nach dem Schichtwechsel der Schwestern kam die Rettung. Eine Schwester die gleichzeitig IBCLC Stillberaterin war. Sie war ein Engel.

Sie sah überhaupt kein Problem mit meinen Brustwarzen, sie half mir die ganze Nacht beim Anlegen, immer wieder. Zusätzlich pumpte ich Milch ab und fütterte sie nach dem Stillen noch mit Spritze.

Ohne diese Stillberaterin hätte ich wohl nie gestillt. Denn meine Hebamme hatte mich ziemlich im Stich gelassen und ließ sich kaum blicken in den Tagen im Krankenhaus.
Die Geburt und die Zeit danach waren mein persönlicher Albtraum. Tagelang nicht schlafen zu können, traumatisiert von den Menschen und Abläufen im Krankenhaus, die Angst mein Kind könnte sterben. Ich möchte sowas nie wieder erleben.

Ein Jahr danach

Unser Sohn ist mittlerweile ein Jahr alt und er entwickelt sich wunderbar. Er kam mit einer Fehlbildung an der kleinen Fontanelle zur Welt: die Gehirnhaut war nach außen gestülpt. Dadurch kam er nicht durch mein Becken. Das bereitete ihm große Schmerzen im Liegen und schmerzfreies Wickeln war daher kaum machbar. Autofahren war generell unmöglich. Dafür zogen wir sogar um, fast 100km weiter in eine Stadt, in der wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren konnten und damit einkaufen und zum Arzt fahren konnten. In der Heimat wären wir auf das Auto angewiesen gewesen.

Unser Sohn wurde dann mit 6 Monaten operiert und seither ist er schmerzfrei. Danach holte er schnell alles auf, was er vorher nicht machen konnte: drehen, robben, selbst hinsetzen, einfach Spaß haben ohne Schmerzen.

Mittlerweile macht er schon seine ersten Gehversuche, er ist ein sehr fröhliches und liebes Kind, und wir könnten nicht stolzer sein.

Außerdem stillen wir natürlich noch.

Ich bereue in keinster Weise, dass die Geburt als Hausgeburt angefangen hat, wir waren zu keinster Zeit in Gefahr und auch das nächste Mal werden wir wieder eine Hausgeburt anstreben. 🙂

Danke fürs Lesen.

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