Die Nacht in der ich mein Kindergartenkind abstillte

Mein Großer hatte immer schon ein starkes Saugbedürfnis, seit seiner Geburt. Dass er keinen Schnuller wollte, war mir ganz recht. Ich drängte ihm den auch nicht auf. Was ich nicht angewöhne, muss auch nicht abgewöhnt werden. Allerdings stillte er deswegen oft sehr lang, sehr viel.

Wir hatten in der Anfangszeit Stillmarathons von 4 Stunden (Cluster Feeding – wenn das Baby dauernuckelt um sich die Milchbestellung für den nächsten Tag zu sichern, häufig in den ersten Lebensmonaten oder in Schubzeiten). In der Beikostzeit war zwar Interesse an Essen da, aber es landete wenig im Magen. BEI-Kost eben 😉 Jedenfalls stillte er noch lange Zeit sehr, sehr viel und oft. Und für mich war das absolut in Ordnung. Stillen und die Beantwortung seines Saugbedürfnisses waren für mich eine Selbstverständlichkeit. Das wollte ich ihm nie und zu keiner Zeit verwehren.

Stillen über das erste Lebensjahr hinaus

Auch das Stillen über das erste Jahr hinaus stand für mich nicht zur Frage. Er aß immer mehr, war nie unterernährt oder schlapp, sondern immer aufgeweckt und interessiert. Und das Stillen sein Zufluchtsort, seine Medizin in Krankheit, seine Einschlafhilfe, seine Schmerzlinderung und so Vieles mehr.

Es begann sich aber phasenweise für mich nicht mehr richtig anzufühlen. Da ich wusste, wie sehr ihm das Stillen gut tat, wollte ich es ihm nicht nehmen. Ich war unschlüssig. In meiner Wunschvorstellung würde er irgendwann das Interesse am Stillen verlieren. Irgendwann. Wie lange müsste ich dafür noch durchhalten?

Ich wurde erneut schwanger, da war er gute 2 Jahre alt. Die Schwangerschaft bemerkte ich, da sie wohl zunächst die Milch sehr verändert hat (das ist auch üblich, wenn die Regelblutung eintritt, aber an diesen paar ersten Tagen der Schwangerschaft war es anders). Das ist perfekt, dachte ich. Nun wird er sich selbst abstillen! Doch Pustekuchen. Vielleicht war eine Zeit in der Schwangerschaft dabei, wo keine Milch kam – ich kann es nicht sagen. Denn er stillte weiter. Teilweise war es wirklich schmerzhaft und dann ließ ich ihn nur kurz. Aber ganz ohne Mamamilch ging nicht.

Hilfe während den Stillanfängen der kleinen Baby Schwester

Nach der Schwangerschaft war ich sehr dankbar dafür, dass er noch stillte. Das Krankenhauspersonal ließ mich weitesgehend in Ruhe (auch wenn mein Mädchen in den ersten 24 Stunden vor Hunger sehr weinte, aber ich legte sie immer wieder an und versuchte ruhig zu bleiben).

Der Milcheinschuss kam viel früher als damals beim Großen, schon am 2. Tag. Und der Große half mir im Milcheinschuss und trank an der Seite, die das Mädchen nicht mehr greifen konnte, weil die Brust einfach schon zu voll war. Im Krankenhaus hatte ich noch den Überdruck abgepumpt. Zu Hause hatte ich den Großen als Hilfe, um einen Milchstau zu verhindern. Mich hat sehr überrascht, dass er nach 3 Nächten ohne Stillen einfach da weiter machte, wo er aufgehört hatte. Und nun herrschte ein Überangebot an Milch.

Da das Baby mich natürlich sehr brauchte und der Große auch viel Aufmerksamkeit einforderte, entstand bald ein „Futterneid“. Er wollte auch wieder mehr stillen, aber für mich fühlte es sich absolut nicht mehr stimmig an. Teilweise wurde er richtig wütend, wenn ich tagsüber nicht stillen wollte. Wir konnten zumindest feste Zeiten und kurze Stillphasen einführen, auch wenn ihm das nie so richtig genügte. Erst recht nicht an Tagen, an denen er zu kurz kam, zu wenig Mama hatte.

Tipps meiner Stillberaterin

Ich sprach mit meiner lieben Stillberaterin. Mein Plan war, zum nächsten Geburtstag abzustillen. Ihn schon darauf vorzubereiten, dass dann wirklich Schluss war. Sie hatte ein paar gute Tipps für mich:

– Ich könnte auch schon ein früheres Ereignis wie den Jahreswechsel zum Abstillen nutzen und das ein paar Tage vorher mit ihm besprechen (nicht zu lang im Voraus, da das Thema dann zu surreal wird).

– In der Nacht könnte ich argumentieren, dass die Brust leer ist, schläft oder einfach dass es weh tut beim Stillen. Damit hatte ich allerdings wenig Erfolg.

– Dass ich mir dabei klar sein muss, ob ich wirklich abstillen will. Ein Kind spürt Unsicherheiten der Mutter, die es auch verunsichern und verwirren.

– Dass es nicht ohne Trauer und Wut ablaufen wird. Emotionen sind durchaus erwünscht. Mein Kind muss von etwas Geliebtem Abschied nehmen, was ihn natürlich mitnehmen wird. Es ist meine Aufgabe, ihn in dieser schweren Zeit und in seinen Gefühlen zu begleiten.

– Den Partner einbeziehen – der sich in der Zeit um die Kleine kümmert und auch mich auffängt.

Das Gespräch bestärkte mich, es nun anzugehen. Silvester sollte also der große Tag kommen, an dem wir abstillen. Nervös war ich. Ich mag einfach nicht, wenn mein Kind traurig ist. Erst recht nicht, wenn ich daran Schuld bin. Oder war es nur meine Angst, dass ich nicht stark genug sein könnte? Ich war mir unsicher. Und Silvester ging stillend vorbei.

Ich hielt es aber für das Beste, einen Versuch zu starten. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, dachte ich. Bis zu seinem nächsten Geburtstag im Sommer ist es mir zu lang hin. Und da wir planten, Kinderzimmer mit Schlafzimmer zu tauschen, damit die Kinder mehr Platz haben, kam die perfekte Gelegenheit. Schon vorher betonten wir immer wieder, dass er im neuen Kinderzimmer nicht gestillt wird.

Ich stille mein Kind ab

So hatten wir die Betten getauscht und es nahte die erste Nacht im neuen Kinderzimmer. Es war schon sehr spät und trotzdem konnte er nicht einschlafen. Mein lieber kleiner Junge weinte bitterlich und weil es mir das Herz brach, ich auch. Doch dieses Mal, dachte ich, ist es meine Verantwortung. Ich muss für uns beide stark sein. Sagte ihm immer wieder wie lieb ich ihn habe. Streichelte ihn. Kuschelte ihn. Bedankte mich für die wunderschöne 3,5-jährige Stillzeit. Doch er weinte und weinte. Hilferufe stieß er aus. Es war schrecklich, ihn so zu sehen.

Dann konnte ich ihn von einer warmen Milch mit Honig überzeugen und er aß noch etwas, bis er auf meinem Schoß einschlief. Als ich ihn in sein Zimmer brachte wurde er noch einmal wach, aber schlief dann doch kuschelnd und erschöpft ein.

11 zusammengefasste Tipps zum Abstillen eines langzeitstillenden Kindes

1. Du musst dir sicher sein, dass du abstillen willst.

2. Finde dafür einen guten Zeitpunkt wie ein Ereignis (neuer Lebensabschnitt wie Geburtstag oder Silvester, ein neues Bett, eine neue Bettwäsche etc.)

3. Bespreche vor dem Abstillen mit deinem Kind, dass du abstillen möchtest, aber nicht zu lang im Voraus.

4. Finde Argumente, warum du nicht mehr stillen möchtest. Vielleicht kann dein Kind so leichter akzeptieren, dass eure Stillzeit nun vorbei ist.

5. Schenke an den Tagen während des Abstillens deinem Kind ganz besonders viel Aufmerksamkeit.

6. Beziehe den Partner mit ein. Bei manchen Familien genügt es, dass in den nächsten Nächten der Papa euer Kind ins Bett bringt.

7. Findet ein neues Abendritual, wenn Stillen Teil davon war.

8. Biete Alternativen für das Stillen an – Essen, Trinken, Kuscheln.

9. Konzentriere dich in der Einschlafbegleitung 100 % auf dein Kind.

10. Begleite dein Kind in der Trauer, in seinen Emotionen.

11. Bedankt euch für die schöne Stillzeit. Findet einen Weg, euch gemeinsam davon zu verabschieden.

 

Ich bin immernoch traurig darüber, aber ich möchte jetzt stark sein. Es werden vielleicht noch ein paar schwierige Situationen kommen. Aber ich weiß jetzt, dass ich auch für meine Bedürfnisse einstehen und durchhalten kann. Auf meinen kleinen Großen bin ich so stolz!

 

Wie und wann hast du dein Kind abgestillt? Oder hat es sich sogar selbst abgestillt? Erzähle mir gern eure Geschichte in den Kommentaren oder per Mail an hallo@starke-mama.at

 

5 thoughts on “Die Nacht in der ich mein Kindergartenkind abstillte

  1. Hallo Charlie, vielen Dank für deinen Bericht.
    Ich wollte meine Tochter von Anfang an drei Jahre stillen. Meine Tochter wollte und brauchte sehr viel Brust. Alle zwei Stunden. Ich dachte irgendwann würde das weniger werden. Aber auch mit 2,5 Jahren war es aller zwei Stunden Tags wie Nachts. Und irgendwie fühlte ich mich nicht mehr wohl damit. Anderseits war es aber auch schön, sie dadurch immer beruhigen zu dürfen. Und sie ist ein sehr gefühlsstarker Mensch, ich hatte somit auch große Angst vor diesem Schritt. Ich kam sehr schwer in die Entschiedenheit. Und es war wirklich ein Kampf. Allen Ersatz den ich anbot, wurde nicht angenommen. Bis ich verstand, dass sie die Entscheidung treffen wollte, war wir stattdessen machen. Also wären die Angebote im Nachhinein dich gut gewesen, so hatte sie eine Auswahlmöglichkeit. Irgendwann würde mir klar, was es heißt hinter einer Entscheidung zu stehen. Und als ich wirklich klar war, könnte ich sie viel besser begleiten und ihre Gefühle aushalten ohne selber zu leiden. Ich wurde stark dadurch und war für sie da. Nun wird sie bald drei und ich bin froh, dass wir letztendlich so gut durch diese Veränderung gegangen sind. Denn es hat nichts an unserer Verbindung zueinander verändert. Ich fühle mich wohler und stärker. Auch jetzt ist wieder eine Phase in der ich merke, wieviel mehr Sicherheit ich ihr gegen kann, wenn ich klar bin. Das ist für mich die wichtigste Erkenntnis im Muttersein: klare Entschiedenheit voller Verständnis und Liebe kann die Beziehung nur stärken und lehren was die eigenen Grenzen sind.

    1. Liebe Nora! Es freut mich, dass ihr einen Weg gefunden habt, der für euch beide gepasst hat. Es ist doch beachtlich, wie viel man als Mutter lernt. Nicht nur über die Mutterschaft, ein Kind großzuziehen, sondern vorallem über sich selbst. Schön, dass du in deiner Aufgabe als Mutter menschlich so wächst und dich weiterentwickelst, das wünsche ich mir für mich auch 🙂 Mein Großer ist auch sehr gefühlsstark und besonders durch ihn lerne ich meine Grenzen, meine Bedürfnisse kennen und wie ich für diese einstehen kann. Alles Gute euch weiterhin, liebe Grüße!

  2. Ich habe geweint als ich den Artikel gelesen habe… du kannst sehr stolz auf euch sein und ich wünsche mir, dass wir es auch einmal so schaffen werden. Bis jetzt habe ich den Mut und die Kraft noch nicht aufbringen können. Alles Gute für euch. Lg Sarah

    1. Vielen lieben Dank Sarah. Ja, auch beim Schreiben habe ich geweint. Es ist sehr emotional, nach so langer Zeit die Stillbeziehung zu beenden. Aber wie gesagt, als Mama muss man wirklich hinter der getroffenen Entscheidung stehen. Wenn du dir nicht sicher bist, lohnt kein Versuch, das wird nicht funktionieren und setzt euch nur unter Druck. Vielleicht redest du am besten mit einer Stillberaterin darüber, mir hat es sehr geholfen klar darüber zu werden, ob nun für mich der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Alles Gute, halte mich gern auf dem Laufenden! 🙂

  3. Oh wow was eine schwierige Situation! Meine große ist schon 5,da gab es kein futterneid mehr, da die kleine erst kam. Aber so oft wie wir nachts stillen, konnte ich mir das nicht vorstellen, nachts zwei Kinder beschäftigen zu müssen. Da hast du großes geleistet und es ist echt gut für dich, dass du nun nur ein Kind zum stillen hast.
    Ich persönlich kann es mir nicht vorstellen, über das erste Jahr hinaus zu stillen, aber meine kleine hat wie du beschrieben hast, eine sehr enge Bindung zur Brust (sie ist auch das erste, was von ihr angelechelt wurde und regelmäßig wird).
    Viele Grüße
    Wioleta von http://www.busymama.de

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